Bibliothek 2.0 und mehr …

17. Juli 2007

onleihe im Dialog

Filed under: Bibliothek 2.0 — patrickd @ 17:30

Da Herr Behrens, einen längeren Kommentar zum Thema Onleihe hinterlassen hat und ich die Diskussion darüber möglichst vielen zugänglich machen möchte, habe ich mich entschlossen diese Antwort als eigenen Post zu veröffentlichen. Dies hat ein wenig länger gedauert als sonst, Herr Behrens hatte sich ja auch schon darüber beschwert.

Lieber Herr Behrens,

zunächst einmal freue ich mich über einen offenen und konstruktiven Dialog über das Thema.
Ich werde natürlich insbesondere auf die Begriffsverwendung eingehen:

2…“ wir sind überzeugt davon, dass der Verzicht auf ein Trägermedium beim Ausleihen von Inhalten und die Möglichkeit der bequemen Ausleihe von Zuhause aus – [… ]sehr wohl eine „äußerst signifikante Änderung am Programm“ darstellt.

Die digitale Revolution wird einen größeren strukturellen Wandel für die öffentlichen Bibliotheken nach sich ziehen, als irgendein anderes Ereignis in den letzten 50 Jahren – sie ist viel mehr als „nur“ die Einführung eines neuen Mediums wie es z.B. die DVD war. Sind Sie diesbezüglich anderer Meinung

Nein bzw ein wenig, denn die digitale Revolution meint vor allem, dass Inhalte beliebig kopierbar und vervielfältigbar sind. Wenn ich jedoch diesen Aspekt von ihr wieder abziehe bin ich eigentlich wieder bei der DVD ohne Trägermedium gelandet. Ich habe ein Medium, das auch nur von einer Person gelichzeitig genutzt werden kann, dies ist in meinen Augen keine Revolution mehr. Sondern eine 1:1 Übertragung des Status Quo in den Bereich des Digitalen und dies ist eigentlich nicht viel mehr als die Einführung eines neuen Trägermediums, das sich nur ein wenig leichter verschicken lässt. Muss man ansonsten bei einer Fluggesellschaft, die Onlineticks verkauft von der Fluggesellschaft 2.0 sprechen? Und handelt es sich bei Musicload oder anderen Downloaddiensten um den Musikhandel 2.0? Ich bin nicht der Meinung, dass ein wesentlicher Versionssprung so einfach ist. Im Vergleich dazu handelt es sich bei der Onleihe einfach um eine Onlinebibliothek mehr eigentlich nicht (von einer Digitalen Bibliothek kann man nicht sprechen, da hier der freie Zugriff auf Volltexte erwartet wird)

3. Nicht alles, was „2.0“ ist, hat etwas mit „Web 2.0“ zu tun. Das erste Mal, dass ich mit dem Begriff „IRGENDETWAS 2.0“, was nicht Software war, völlig konfrontiert wurde, war beim Ende der „New Economy“. So ca. 2002 schrieb ein kluger Wissenschaftler, was in der New Economy alles falsch gelaufen ist und was ab jetzt in der Internetwirtschaft alles besser/anders laufen würde/müsste. Diese neuen Paradigmen fasste er unter dem Begriff „Business 2.0“ zusammen. Auf der Suche nach diesem Artikel bin ich dann darauf gestoßen, dass bereits 1995 eine Zeitschrift mit dem Titel „Business 2.0“ auf den Markt gekommen ist. Das war also ca. 10 Jahre bevor Herr O’Reilly das „Web 2.0“ ins Gespräch brachte. Hat Herr O‘Reilly sich im Jahr 2005 also der „Begriffsverdrehung“ schuldig gemacht? Macht sich Ihrer Meinung nach jetzt auf einmal jede Softwarefirma, die eine „Version 2.0“ von etwas herausbringt, die keine „Web 2.0“ Elemente hat, des Etikettenschwindels schuldig?

Ein interessanter Aspekt auf den ich gerne eingehe. Sie haben recht, dass 2.0 nicht unbedingt mit dem Web 2.0 zu tun haben muss, jedoch vergessen Sie, dass die Assoziation von Bibliothek 2.0 und Web 2.0 bereits hergestellt war. Was würden Sie davon halten, wenn heute ein Hersteller ein neues innovatives Produkt unter dem Namen Web 2.0 verkaufen würde? Das Problem ist nicht die Verwendung des Labels „2.0“ an sich, sondern dass der Begriff „Bibliothek 2.0“ bereits geprägt war. Somit macht man sich dann eines Etikettenschwindels schuldig, wenn man bereits definierte Begriffe mit einer anderen Bedeutung verwendet, nicht wenn man „2.0“ sagt und etwas anderes als das Web 2.0 meint.

4. Die Zielgruppe der PR-Kampagne zum Start der „Onleihen“ waren NICHT wissenschaftlich geschulteBibliotheksmitarbeiter von wissenschaftlichen Bibliotheken (so wie Sie und die meisten Diskutierenden im NetBib-Blog), sondern normale Bibliotheksbenutzer von öffentlichen Bibliotheken und solche, die es werden könnten.Es ging bei unserer Begriffsbenutzung darum Journalisten und „normale“ Menschen für das Thema „Onleihe“ bei den öffentlichen Bibliotheken zu interessieren – dies ist mit dem Kunstwort „Onleihe“ (das man mögen kann oder auch nicht) und dem Begriff „Bibliothek 2.0“ (selbst wenn er Ihrer Meinung nach „falsch“ genutzt wird) gelungen.

Interessant, dass Sie genau mit der Unterscheidung „wissenschaftlich/öffentlich“ kommen. In diesen Zusammenhang verweise ich gerne auf die Staaten wo der Ursprung des Begriffs „Bibliothek 2.0“ bzw dort natürlich „Library 2.0“ liegen. Dieser Begriff wurde nicht von wissenschaftlichen Bibliotheken geprägt, sondern von öffentlichen Bibliotheken.

Bitte gehen Sie in Berlin auf die Straße und fragen Sie dort beliebige Passanten nach ihrer Definition von „Bibliothek 2.0“. Und danach befragen Sie die Leute auch noch, wie „wichtig“ ihnen der Diskurs über die „richtige“ Definition ist. Was denken Sie, wie vielen „normalen“ Menschen die „Bibliothek 2.0“ schon so wichtig war, dass sie diese bei Wikipedia recherchiert haben?

Hier könnten sie jeden anderen Fachbegriff ebenfalls einsetzen, fragen Sie doch mal die Leute auf der Straße nach ihrer Definition von “Urheberrecht“ oder „DRM“. Daraus, dass eine Definition nicht allgemein bekannt ist, kann mitnichten geschlossen werden, dass sie nicht von Deutung ist. Sie werden sich auch Vorwürfe von jeder anderen Disziplin anhören müssen, in dem Fall dass Fachbegriffe für das Marketing sinnentstellt verwendet werden.

[..]

5. Wie Sie sich anhand unserer Firmen-Webseite http://www.DiViBib.com (oder auch in Gesprächen mit Bibliothekaren aus öffentlichen Bibliotheken) vergewissern können, haben wir gegenüber Bibliotheken nie behauptet, dass wir eine „Bibliothek 2.0“-Lösung anbieten, sondern haben diesen „Claim“ nur gegenüber der Nicht-Bibliothekarischen-Öffentlichkeit genutzt (siehe auch Punkt 4). Sie finden auf unserer Web-Seite oder in einer unserer Präsentationen keinmal das Wort „Bibliothek 2.0“.

Ich kann aus den oben genannten Gründen die Aufregung um unsere Verwendung des Begriffes „Bibliothek 2.0“ nur sehr bedingt verstehen: JA, im wissenschaftlichen Kontext war das Label 100% falsch – NEIN, im praktischen Einsatz für die Zielgruppe der Kommunikation war das Label 100% sinnvoll und richtig.

Meinen Sie wirklich, dass sich so etwas sinnvoll trennen lässt? Ich habe da meine Zweifel, zumindest braucht man sich da nicht über Kritik aus dem wissenschaftlichen Bereich zu wundern.

Wenn man aber mit einem Kind immer nur „schimpft“ und ihm sagt, was es alles falsch macht, dann wird es sich bestimmt nicht optimal entwickeln (mir sei dieser Vergleich in dem Kontext nachgesehen, weil ich vor 4 Wochen zum ersten Mal Vater geworden bin und mich darum mit diesen Themen dieser Tage intensiver beschäftige).

Nun ich habe nicht nur „geschimpft“ sondern auch konkrete Verbesserungsvorschläge gemacht, konstruktive Kritik kann nie schaden. Das Problem ist nur, dass sie zwei Bereiche (DRM, Bibliothek 2.0) angeschnitten haben, die beide sehr genau und kritisch beobachtet werden. Ein gewisses Konfliktpotenzial war hier vorprogrammiert. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Marketing Strategie gleich als Bashing zu bezeichnen finde ich jedoch ein wenig hart.

In diesem Sinne freue ich mich auf die weitere konstruktive Diskussion über den Service Onleihe und fände es schön, wenn wir aus der bibliothekarischen Blog-Community vielleicht auch noch etwas mehr Lob für die von uns geleistete Arbeit bekommen. Bei der DiViBib haben 18 Menschen in den letzten zwei Jahren sehr viel Energie und Herzblut in das Projekt gesteckt – es ist schade, dass deren Leistung in den Blogs so wenig gewürdigt wird.

Lob aus einer sehr kritischen Community bekommt man nicht so leicht geschenkt, sondern man muss es sich hart verdienen. Dies ist insbesondere dann schwer wenn man zwei Themen besetzt, die beide sehr kritisch von der Blog Community beäugt werden. Ein Engagement für freie Inhalte, durch die Integration solcher in die Onleihe, könnte hier Wunder wirken😉

Mir persönlich ist die Anerkennung unserer Kunden und der vielen Bibliotheksnutzer, die die Onleihe schon heute oft und gerne nutzen, zugegebenermaßen viel wichtiger und Bestätigung der Richtigkeit unseres Tuns genug.

Abzuwarten bleibt, ob die Nutzung zur Zeit so hoch ist weil das Angebot neu ist und man es ausprobieren möchte, oder ob es sich dauerhaft etabliert. Darüber werden aber auch Faktoren wie die Kompatibilität mit den verschiedenen Endgeräten (wie dem iPod) sein. Wenn Benutzer feststellen das die Hörbücher mit diesen weit verbreiteten Geräten,  eben nicht funkioniert, werden Sie sich an die Aufforderungen von Steve Jobs erinnern.

Auch wenn das der DiViBib nicht so wichtig scheint, so würde ich es begrüßen, wenn man in Zukunft Fachbegriffe laut ihren Bedeutungen verwendet. Auch dies würde dafür sorgen, dass das Ansehen der Fachcommunity steigen würde.

Viele Grüße

Patrick Danowski

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