Bibliothek 2.0 und mehr …

8. Juli 2007

onleihe: Digitale Bibliothek 0.5

Filed under: Bibliothek 2.0 — patrickd @ 20:10

Die Onleihe macht mit dem Spruch „Bibliothek 2.0 – Der Sprung in die digitale Medienwelt“ Werbung. Da muss ich natürlich etwas genau hinsehen. Doch was ich sehe ist eine „Digitale Bibliothek 0.5″. Es handelt sich um eine exakte 1:1 Übertragung der analogen Bibliothek ins digitale Medium. Hierauf weiß Christian Hasiewicz (Bibliothekarischer Direktor der DiViBib GmbH) auch sehr schön in seinem Kommentar bei netbib hin:

„Bibliotheken betreiben schon seit Jahrhunderten „Rights Management“ (ohne das „Digital“), indem sie Benutzungsordnungen haben und Medien nicht verschenken, sondern unter gewissen Nutzungsbedingungen zur Verfügung stellen.“

Genau wie bisher (im analogen Bereich) kann man nur so viele Medien ausleihen wie die Bibliotheken gekauft hat (De:bug bezeichnet dies treffend als Mangelwirtschaft, man könnte es auch als künstliche Verknappung bezeichnen). Mit neuen Möglichkeiten des digitalen Mediums hat das wenig zu tun, außer das man jetzt von einem 24 h Service in Netz profitieren kann.

Ich frage mich, was soll daran 2.0 sein? Als dann letztens jemand in den Wikipedia Artikel „Bibliothek 2.0“ Spamlinks zu den Angeboten der Firma „DiViBib GmbH“ eingestellt hat, konnte war es an der Zeit, das ganze etwas genauer zu untersuchen.

Vergleichen wir doch mal die Definition von Bibliothek 2.0 im Wikipedia Artikel mit dem Angebot „onleihe“:

„Der Begriff der Bibliothek 2.0 (engl. „Library 2.0“) ist bislang nicht eindeutig definiert und beinhaltet zum Teil kontrovers diskutierte Konzepte und Vorstellungen. Konsens herrscht weitgehend, dass die Bibliothek 2.0 grundsätzlich auf den Benutzer und seine Vorstellungen, Wünsche, Erwartungen ausgerichtet ist.

Einigkeit besteht ebenfalls überwiegend dahingehend, dass die Bibliothek 2.0 auf bestimmte, dem so genannten Web 2.0 zugeschriebene Grundprinzipien wie Partizipation, Kollaboration, Interaktion bzw. einfach Zwei-Wege-Kommunikation zurückgreift. Diese wurden durch die weite Verbreitung rückkopplungsfähiger und auf Vernetzung ausgerichteter Kommunikationstechnologien, besonders durch die so genannte Soziale Software, zu einem allgemeinen Kommunikationsphänomen im Internet.“ (Quelle Wikipedia)

Nun untersuchen wir die angesprochenen Punkte:

  1. Einbindung des Bibliotheksnutzers: Es gibt minimale Möglichkeiten Medien zu bewerten mit 1-5 Sternen, keine Funktion die auch nur nirgendwo ermöglicht das ein Soziales Netzt entstehen könnte. Ganz nebenbei, dass solche Bewertungen ohne Kommentare auch sehr nichtssagend sind da man nicht nachvollziehen kann, wie diese Bewertung entstanden ist.

  2. Offene Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten: Hiervon kann nicht einmal weitgehendst die Rede sein. (DRM macht’s unmöglich)

  3. Web 2.0: Auch nichts was im entferntesten damit zu tun hat

Ich frage mich wirklich warum ein solcher Service sich 2.0 nennt, wahrscheinlich weil es modern ist. Aber man darf sich dann auch nicht wundern, wenn man an diesem beanspruchten Label gemessen wird. Bibliothek 2.0 ist eben nicht ein Begriff, den man unreflektiert zum Marketing verwenden sollte, da er auch Verpflichtungen mit sich bringt.

Mal ganz abgesehen davon, das die Aussage von Herrn Hasiewicz:

Ohne den DRM-Schutz würde derzeit kein einziger Verlag oder Inhalteanbieter den öffentlichen Bibliotheken ein einziges digitales Medium zur Verfügung stellen.

einfach falsch ist.

Einige Gegenbeispiele:

* Lawrence Lessig: Code 2.0

* Die wunderbare Wissensvermehrung (erschienen bei Telepolis)

* Festschrift Prof. Umstätter

Keines dieser Werke ist übrigens im Angebot der Onleihe zu finden.

Nicht das der Eindruck entsteht, ich finde die Idee prinzipiell schlecht. Der Ansatz ist durchaus nicht unpraktisch, jedoch sollte man:

  • auf die Vermarktung als Bibliothek 2.0 verzichten, da man diesem Anspruch nicht in geringster Weise gerecht wird
  • Freie Inhalte stärker integrieren, wie Creative Commons Lizenzierte Bücher, Netlabels und freie Filme (wie Cedric und Elephant Dreams) um diese einer breiten Zahl von Benutzern bekannt zu machen
  • mehr qualitativere Inhalte einstellen (gelingt auch teilweise mit dem zuvor genannten Punkt

DRM muss wohl leider zur Zeit verwendet werden, jedoch wird einer der wesentlichen Fragen sein, ob man DRM als notwendiges Übel oder als Lösung ansieht.

Eine wirkliche Lösung kann DRM meiner Meinung nach nicht sein, dies zeigt sich alleine dadurch, dass das Audio-Angebot für Millionen von Ipod Besitzern zur Zeit wertlos ist. Natürlich kann man den schwarzen Peter weitergeben und Apple wegen der nicht weiterlizenzierung des DRM Systems angehen, dies ist jedoch ein Nachteil den proprietäre Systeme mit sich bringen.

Die Frage, die man sich dann stellen lassen muss, ist, wie viel Benutzer darf man in Zukunft von den Diensten der öffentlichen Bibliotheken ausschließen, weil sie das falsche Gerät haben?

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2 Kommentare »

  1. Guten Tag Herr Danowski,

    mein Name ist Holger Behrens und ich bin geschäftsführender Gesellschafter der DiViBib GmbH. Insofern mögen alle meine Gedanken und Ausführungen „gefärbt“ sein – dennoch bitte ich um sachliche Auseinandersetzung damit.

    Zu der von uns „losgetretenen“ Diskussion in den bibliothekarischen Foren und Blogs, insbesondere zur Nutzung des Begriffs „Bibliothek 2.0“ möchte ich ein paar grundsätzliche persönliche Nicht-Bibliothekarische Kommentare abgeben, bevor Herr Christian Hasiewicz auf Ihre Anmerkungen im Einzelnen eingeht:

    1. Die „Onleihen“ der Städte Hamburg, Würzburg und Köln sind KEIN Angebot der DiViBib GmbH, sondern ein Angebot dieser Städte. Die DiViBib GmbH ist „nur“ ein Dienstleister, der Wünsche und Bedürfnisse von öffentlichen Bibliotheken umsetzt. Die „Onleihen“ in der jetzigen Form sind ein Ergebnis der Diskussion zwischen den Wünschen der Pilotbibliotheken auf der einen Seite und dem technisch, wirtschaftlich und juristisch Machbaren, vertreten durch die DiViBib, auf der anderen Seite.
    2. Ein Zitat aus Wikipedia: „Versionsnummern unterscheiden in der Softwareentwicklung die einzelnen Versionen einer Software. Durch die oft langjährige Produktlaufzeit und sich mehrfachen anreihenden Entwicklungszyklen ist es unerlässlich definierte Stände zu erstellen. Die Versionsnummer ist die Grundlage der [sic] für die Versionsverwaltung. Der Prozess der Vergabe der Versionsnummer nennt man Versionierung. […] Eine Hauptversionsnummer (major release) indiziert meist äußerst signifikante Änderung am Programm – z. B. wenn das Programm komplett neu geschrieben wurde (z. B. GIMP 1.x nach 2.x).“ – wir sind überzeugt davon, dass der Verzicht auf ein Trägermedium beim Ausleihen von Inhalten und die Möglichkeit der bequemen Ausleihe von Zuhause aus – also nicht nur die Interaktion mit Metadaten (z.B. Recherche oder Reservierung) sondern die zeitlich befristete Nutzung von Inhalten aller Art aus einer öffentlichen Bibliothek sehr wohl eine „äußerst signifikante Änderung am Programm“ darstellt. Die digitale Revolution wird einen größeren strukturellen Wandel für die öffentlichen Bibliotheken nach sich ziehen, als irgendein anderes Ereignis in den letzten 50 Jahren – sie ist viel mehr als „nur“ die Einführung eines neuen Mediums wie es z.B. die DVD war. Sind Sie diesbezüglich anderer Meinung?
    3. Nicht alles, was „2.0“ ist, hat etwas mit „Web 2.0“ zu tun. Das erste Mal, dass ich mit dem Begriff „IRGENDETWAS 2.0“, was nicht Software war, konfrontiert wurde, war beim Ende der „New Economy“. So ca. 2002 schrieb ein kluger Wissenschaftler, was in der New Economy alles falsch gelaufen ist und was ab jetzt in der Internetwirtschaft alles besser/anders laufen würde/müsste. Diese neuen Paradigmen fasste er unter dem Begriff „Business 2.0“ zusammen. Auf der Suche nach diesem Artikel bin ich dann darauf gestoßen, dass bereits 1995 eine Zeitschrift mit dem Titel „Business 2.0“ auf den Markt gekommen ist. Das war also ca. 10 Jahre bevor Herr O’Reilly das „Web 2.0“ ins Gespräch brachte. Hat Herr O‘Reilly sich im Jahr 2005 also der „Begriffsverdrehung“ schuldig gemacht? Macht sich Ihrer Meinung nach jetzt auf einmal jede Softwarefirma, die eine „Version 2.0“ von etwas herausbringt, die keine „Web 2.0“ Elemente hat, des Etikettenschwindels schuldig?
    4. Die Zielgruppe der PR-Kampagne zum Start der „Onleihen“ waren NICHT wissenschaftlich geschulte Bibliotheksmitarbeiter von wissenschaftlichen Bibliotheken (so wie Sie und die meisten Diskutierenden im NetBib-Blog), sondern normale Bibliotheksbenutzer von öffentlichen Bibliotheken und solche, die es werden könnten. Bitte gehen Sie in Berlin auf die Straße und fragen Sie dort beliebige Passanten nach ihrer Definition von „Bibliothek 2.0“. Und danach befragen Sie die Leute auch noch, wie „wichtig“ ihnen der Diskurs über die „richtige“ Definition ist. Was denken Sie, wie vielen „normalen“ Menschen die „Bibliothek 2.0“ schon so wichtig war, dass sie diese bei Wikipedia recherchiert haben? Es ging bei unserer Begriffsbenutzung darum Journalisten und „normale“ Menschen für das Thema „Onleihe“ bei den öffentlichen Bibliotheken zu interessieren – dies ist mit dem Kunstwort „Onleihe“ (das man mögen kann oder auch nicht) und dem Begriff „Bibliothek 2.0“ (selbst wenn er Ihrer Meinung nach „falsch“ genutzt wird) gelungen. Leider kommen (öffentliche) Bibliotheken auf nationaler Ebene normalerweise vor allem dann in die Schlagzeilen und die öffentliche Diskussion, wenn Sie abgebrannt sind („Anna-Amalia-Bibliothek-Phänomen“) – dies finden wir schade und wollten gemeinsam mit den Pilotbibliotheken etwas dagegen tun.
    5. Wie Sie sich anhand unserer Firmen-Webseite http://www.DiViBib.com (oder auch in Gesprächen mit Bibliothekaren aus öffentlichen Bibliotheken) vergewissern können, haben wir gegenüber Bibliotheken nie behauptet, dass wir eine „Bibliothek 2.0“-Lösung anbieten, sondern haben diesen „Claim“ nur gegenüber der Nicht-Bibliothekarischen-Öffentlichkeit genutzt (siehe auch Punkt 4). Sie finden auf unserer Web-Seite oder in einer unserer Präsentationen keinmal das Wort „Bibliothek 2.0“.

    Ich kann aus den oben genannten Gründen die Aufregung um unsere Verwendung des Begriffes „Bibliothek 2.0“ nur sehr bedingt verstehen: JA, im wissenschaftlichen Kontext war das Label 100% falsch – NEIN, im praktischen Einsatz für die Zielgruppe der Kommunikation war das Label 100% sinnvoll und richtig.

    Umso mehr freue ich mich, dass Sie das Konzept der Onleihe, so viele Unzulänglichkeiten es derzeit auch noch hat, grundsätzlich begrüßen. Bitte haben Sie immer vor Augen, dass dieser Service jetzt gerade mal 6 Wochen alt ist und naturgemäß noch einige „Kinderkrankheiten“ hat. Wenn man aber mit einem Kind immer nur „schimpft“ und ihm sagt, was es alles falsch macht, dann wird es sich bestimmt nicht optimal entwickeln (mir sei dieser Vergleich in dem Kontext nachgesehen, weil ich vor 4 Wochen zum ersten Mal Vater geworden bin und mich darum mit diesen Themen dieser Tage intensiver beschäftige).

    In diesem Sinne freue ich mich auf die weitere konstruktive Diskussion über den Service Onleihe und fände es schön, wenn wir aus der bibliothekarischen Blog-Community vielleicht auch noch etwas mehr Lob für die von uns geleistete Arbeit bekommen. Bei der DiViBib haben 18 Menschen in den letzten zwei Jahren sehr viel Energie und Herzblut in das Projekt gesteckt – es ist schade, dass deren Leistung in den Blogs so wenig gewürdigt wird. Mir persönlich ist die Anerkennung unserer Kunden und der vielen Bibliotheksnutzer, die die Onleihe schon heute oft und gerne nutzen, zugegebenermaßen viel wichtiger und Bestätigung der Richtigkeit unseres Tuns genug.

    Mit freundlichem Gruß aus Wiesbaden

    Holger Behrens
    Geschäftsführer DiViBib GmbH

    Kommentar von Holger Behrens — 11. Juli 2007 @ 22:36

  2. […] im Dialog Abgelegt unter: Bibliothek 2.0 — patrickd @ 8:59 Da Herr Behrens, einen längeren Kommentar zum Thema Onleihe hinterlassen hat und ich die Diskussion darüber möglichst vielen Zugänglich machen möchte, habe […]

    Pingback von onleihe im Dialog « Bibliothek 2.0 und mehr … — 17. Juli 2007 @ 17:25


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